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Thermometrie - Geschichte
Teil 4 - Die Florentiner Thermometerskalen und ihre Relation zu den Skalen von
Römer, Fahrenheit, Reaumur und Celsius
Gerhard Stöhr 2005.5
Die
Accademia del Cimento in Florenz, gegründet im Jahre 1657 durch Großherzog
Ferdinand II der Toskana (1610-1670) und geleitet von seinem Bruder Leopold
de Medici (1617-1675), beschäftigte sich in der Zeit ihres Bestehens (1657-1667)
mit der Herstellung "vergleichbarer Thermometer". Der Sekretär Lorenzo
Magalotti (1637-1712) hat diese Bemühungen in seinem Abschlussbericht: "I
Saggi di natural esperience..." aus dem Jahre 1667, für die Nachwelt
dokumentiert.
Die bekannte Kupferstichtafel (Abb. 1), zeigt dann auch die fünf Thermometerbauformen mit welchen sich die Akademiker damals auseinandergesetzt haben.
Drei mit senkrechter Kapillare 50-, 100-, 300-teilig, ein höchstempfindliches, spiralförmiges und eines mit schwimmenden Kugeln. Weiter ist darin zu lesen, dass es gelang die 50-teiligen weitgehend "gleich gehend" zu fertigen, während das mit den anderen nicht gelingen wollte.
Befassen wir uns daher heute mit den "50-teiligen - ", auch "Florentine Little" - Thermometer genannt
Es
gab noch keine Fixpunkte. Die 50-teiligen Thermometer wurden so eingerichtet:
"....dass sie bei extremer Winterkälte kaum einmal unter 11-12 Grad
fallen und in der größten Sommerhitze, unmittelbar der Sonne ausgesetzt, nicht
über 40 Grad steigen."
Die Thermometer bestanden aus einem kugelförmigen Ausdehnungsgefäß mit einer angeblasenen Kapillare und waren ca. 11cm groß (Abb. 2). Sie waren alle geschlossen und wurden ab 1658 mit ungefärbtem Weingeist gefüllt. Die Skalierung erfolgte mit direkt an der Kapillare angeschmolzenen Emailletröpfchen. Man zählte die Tröpfchen einfach aufwärts, von 1- 50 Grad.
Der Großherzog verteilte diese Thermometer großzügig an Besucher und ließ sie auch auf Reisen gerne als Präsente verschenken. So erhielten sie im kontinentalen Europa jener Zeit, recht schnell einen hohen Bekanntheitsgrad. Noch im Jahre 1726 berichtet Jakob Leupold (1674-1724) in seinem posthum erschienenen Werk, "Theatrum Staticum" [Ref.62, p.284], von der mehrheitlichen Verwendung dieser "Florentiner Thermometri" in Deutschland.
In welcher Relation stehen nun die Messwerte dieser Florentiner Thermometer zu den später im 18.Jh. entwickelten "neuen Skalen"?
Es gibt eine ganze Reihe Vergleichstabellen aus der Zeit, die sich jedoch oftmals auf Skalen beziehen, die heute keiner mehr kennt und selbst nicht eindeutig sind. Hinzu kommt, dass die sog. "Florentiner Thermometer" des 18.Jahrhunderts von minderer Qualität waren, "..so dass man mit fünf Instrumenten, zu fünf unterschiedlichen Messergebnissen kam."
Johann H. Lambert (1728-1777) und Hendrik von Swinden (1748-1823), klammerten daher in der 2. Hälfte des Jahrhunderts, die alten Florentiner Skalen weitgehend aus ihren Betrachtungen aus.
Licht
in das Dunkel brachte erst ein überraschender Fund in den 20er-Jahren des 19.Jh.
in Florenz. Dort wurde eine ganze Kiste unversehrter 50teiliger-Thermometer
der Akademie gefunden. Guilielmo Libri (1803-1869) berichtet darüber
in Poggendorfs "Annalen der Physik", Bd. 21, 1831. In seinem Artikel "Ueber
die Bestimmung der Skale des Thermometers der Accademia del Cimento"
berichtet er, dass er mehr als 200 vergleichende Beobachtungen gemacht hat,
woraus er dann jeweils den Mittelwert gebildet habe. Dabei fand er heraus, "...dass
der Nullpunkt des Thermometers der Akademiker del Cimento dem 15. Grad Reaumur,
und der 50. Grad des ersteren, dem 44. Grad des letzteren entspricht. In schmelzendem
Eis zeigt das Thermometer del Cimento 13,5 Grad."
Auf meine Korrespondenz mit dem "Istituto e Museo di Storia della Scienza", aus dem Jahre 1983 hin, erhielt ich von dort eine Vergleichsgrafik, die ich Ihnen hiermit gerne zur Verfügung stelle. Es lässt sich die Qualität der frühen Arbeit an der perfekten Linearität der Skala erkennen (Abb.3).
MAGNUM THERMOMETRUM ACADEMIAE FLORENTINAE
Neben
den eingangs beschriebenem Flüssigkeits-Glasthermometern, die ihren Ursprung
ganz eindeutig in der Akademie haben, tauchen gegen Ende des 17.Jh. vereinzelt
Thermometer mit dekorativ gestalteten Kupferstichskalen und der Bezeichnung
"Magnum Thermometrum Academiae Florentinae" auf, die in der Saggi nicht
erwähnt sind und somit erst später entstanden sein können.
Der Bezug in der Namensgebung auf diese renommierte Institution liegt nahe und
beweist uns nur, dass die Florentiner Glasbläser geschäftstüchtig und Florenz
in der 2. Hälfte des 17.Jh. weiterhin eine Hochburg der Thermometerfertigung
war. Es fällt auch auf , dass diese Skala bisher ausschließlich an
Barometern und dann in Verbindung mit einer "Magnum Barometrum-Skala"
gesichtet wurden..
Die Skalen reichen von 0 Grad (mit Sonnensymbol und der Bezeichnung "mittelmäßig = tempere", hinab bis auf 100 Grad (sehr kalt) in den Kältebereich und hinauf auf 80 Grad (sehr heiß) im Wärmebereich. Links und rechts daneben finden sich insgesamt 16 Medaillons mit den 12 Tierkreiszeichen und 4 Allegorien mit Temperaturbeschreibungen in sieben verschiedenen Sprachen.
Merkwürdigerweise findet sich in der zeitgenössischen Literatur zu diesen offensichtlichen "Wandthermometern nach der Akademie" kaum Hinweise. Lediglich ein Kupferstich in [Ref. 37] Nollet - Lecons de Physiques expérimental, Band 4, 1753. Tafel XIV, Fig. 11 zeigt uns ein Wandthermometer "nach Florence", allerdings ein völlig anderes, mit einer Skala von 0 - 90 Grad ansteigend, "mittelmäßig" ist bei 25G vermerkt (Abb. 4).
Dann
berichtet Friedrich Burkhardt ( 1830-1913) in [Ref. 90], Zur Geschichte
des Thermometers, erst wieder im Jahre 1902 von einem "Florentiner
Thermometer mit Papierskala" aus einer Basler Sammlung und er liefert auch
gleich Vergleichsmessungen dazu:
40 Grad Florenz -----> 40 Grad Celsius
0 Grad Florenz -----> 12,5 Grad Celsius = Tempere
-40 Grad Florenz -----> -27,5 Grad Celsius
-18 Grad Florenz -----> 0 Grad Celsius
Ein solches, unbenütztes Skalenblatt befindet sich in meinem Besitz und ist mit Gabriel Bodenehr fecit et exc. A.V. signiert (Abb. 5). Das Blatt hat ein Format von 15x 55cm.
Gabriel Bodenehr d.Ä. (1673-1765) war in Augsburg in der der Zeit ab etwa 1700 als Kupferstecher und Verleger tätig und übernahm im Jahre 1717 das angesehene Verlagshaus von Stridbeck. Es existiert ein Portrait von ihm im Internet. Somit dürfte mein Thermometerblatt im ersten Drittel des 18.Jh. entstanden sein. Der Entwurf ist allerdings nicht neu, er ist "abgekupfert", denn auch in Florenz existieren drei Thermometer mit nahezu identischen Skalenblättern.
Lt. Schriftwechsel vom 20.06.1983 mit Frau Dott. Mara Miniati, vom "Istituto e Museo di Storia della Science", sind zwei davon mit "Giovanni Domenico Tamburini" signiert, Ende 17.Jh. datiert und ".wahrscheinlich der Accademia del Cimento zuzuordnen". Es dürfte sich bei dem Einen, um die Inventar Nr. 3627 handeln. Das Zweite, das Bert Bolle auch in seinem Buch [Ref. 71], "Barometers in Beeld", auf Seite 58, Abb. 112 zeigt, trägt die Inventar Nr.1141 und lässt sich ebenfalls via Internet besichtigen. In beiden Fällen handelt es sich um franz. Reisebarometer. Die daran befindliche lange Thermometerskala ist offensichtlich eine franz. Variante des "Magnum Thermometrum" und trägt die Bezeichnung: "Le Grand Thermomètre de Florence".

Noch eine weitere derartige Skala habe ich in der Literatur gefunden. Das Barometer
wurde von Isaac Robelou im Jahre 1719 gefertigt und signiert. Es befindet
sich im Besitz des Science Museum London und ist abgebildet in [Ref.81, p.9/
Ref. 85, Fig.292/ Ref.111, Taf.9].
Seit dieser Woche kenne ich nun noch eine "Magnum-Skala". Sie befindet
sich an einem frühen Niederländisch-deutschen Barometer (um 1730), das im Städt.
Museum in Überlingen/ Bodensee aufbewahrt wird. Das Barometer mit Thermometer
ist durch Brandeinwirkung stark beschädigt, sodass der Kupferstecher leider
nicht mehr erkenntlich ist (Abb. 6). Wie berichtet (siehe
NEWS v. 30.04.2005), konnten wir es dieser Tage für Sie in Farbe dokumentieren,
was dann schließlich der Auslöser für diese Arbeit war.
In seiner Beurteilung weist M. Fontijn hier darauf hin, dass diese Thermometerteilung
auch an frühen Niederländischen Barometern zu finden sei und dann
gerne als "frühe Fahrenheitskala"
bezeichnet wird. Gleichwohl, der Ursprung dazu dürfte sicher in Florenz
zu suchen sein.
Wenn
es ein "Magnum Thermometrum" gegeben hat, so ist doch stark anzunehmen,
dass es auch ein kleinere Version davon gab. Tatsächlich ist mir nur eine Einzige
solche bisher bekannt geworden. Die Skala befindet sich an einem Kupferstichbarometer
von
Nicolei Alipi, aus der 1. Hälfte des 19.Jahrhunderts. Habenicht und Holland
zeigen es in ihrem Buch [Ref. 80, p.50, 51]. Ob man zu jener Zeit für das Florentiner
Thermometer noch eine praktische Verwendung hatte, oder ob es mehr als Dekoration
gedacht war, lässt sich nicht mehr sagen.
Bei diesem kleinen "Thermometrum Academiae Florentinae" (7,5x 32,5cm) wurden jedenfalls die Zahlenwerte einfach halbiert, der Messbereich reicht von 50 Kältegraden bis auf 45 Wärmegrade und ist dabei gleichwohl von "sehr kalt" bis "sehr heiß" beschriftet (Abb. 7).
Nun wäre es natürlich interessant, wenn man die beiden frühen Skalen aus Florenz untereinander und auch mit anderen, aktuellen Skalen, vergleichen könnte. Deshalb habe ich mir die Mühe gemacht und für Sie unter Berücksichtigung der unten genannten Quellen eine Grafik im PDF.Format [1,4MB] erstellt, die dieses zukünftig möglich macht.
Gleich in die Praxis umgesetzt, musste ich feststellen, dass die aufgeführten
Vergleichswerte von F. Burckhardt von einem "50er - Akademie- Thermometer"
stammen, also schwerlich einer Nachprüfung an einem Thermometer der beschriebenen
Art, Stand halten würden (Abb.8
- bitte klicken!).
Quellen:
Es wurden folgende Referenzwerke eingesehen:. 37/ 61/ 62/ 71/ 80 /90 /178
/193,
und folgende Artikel berücksichtigt:
| Me604 | Vittori/ Mestitz | Calibration of the "Florentine Little" Thermometer |
| Me995 | Libri G. | Über die Bestimmung der Skale des Thermometers der Accademia del Cimento |
| Me1127 | Poulsen E. | Thermometer of Ole Römer |
| 20.06.1983 | Mein Schriftwechsel mit dem Museo di Storia della Scienca |
© Gerhard Stöhr 2005
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