Thermometrie - Einführung

Betrachtungen zu den Anfängen der meteorologischen Beobachtungen in Deutschland

von Gerhard Stöhr 2006.09

Bei der Beschäftigung mit den historischen, meteorologischen Instrumenten stellt sich uns immer wieder die Frage, ab wann diese schließlich bestimmungsgemäß zum Einsatz kamen und ab wann ihre Messdaten mit einer gewissen Regelmäßigkeit gesammelt wurden. Gustav Hellmann (1854-1939) hat sich 1926 mit der Entwicklung der meteorolog. Beobachtungen in Deutschland beschäftigt und unterscheidet hier zweckmäßigerweise in präinstrumentelle Beobachtungen, also Witterungsnotizen vor der Erfindung der Messgeräte und solche schon mit Angaben zur Temperatur, Luftdruck oder Luftfeuchtigkeit. Erste handschriftliche Notizen das Wetter betreffend, findet man an Sterntafeln (Ephemeriden) und Kalendarien von etwa 1490 an, mit jährlich zunehmender Tendenz. Also zu einem Zeitpunkt, wo an Thermometer, Barometer und Hygrometer noch nicht zu denken war. Lediglich Angaben über die Windverhältnisse finden sich gelegentlich.

Die Benutzer dieser Kalender machten sich mehr oder weniger regelmäßig daran kurze Notizen zum aktuellen Wettergeschehen. Auf diese Weise wurden meist besonders herausragende Wetterereignisse dokumentiert

Die ersten instrumentellen Beobachtungen waren selbstverständlich erst nach dem Zeitpunkt der Entwicklung des Thermoskops zum Thermometer möglich. Wie uns schon bekannt, verteilte Großherzog Ferdinand II. in Florenz 50teilige Thermometer der Accademia del Cimento in den umliegenden Klöstern. Diese mussten täglich zu bestimmten Zeiten abgelesen und die Messergebnisse an den Hof nach Florenz übermittelt werden. Dies geschah bereits in den Jahren 1657-67. Streng genommen handelte es sich hier schon um ein kleines regionales Messnetz. Aber Ferdinand II. sorgte auch gleichzeitig dafür, dass >seine Thermometer< auch jenseits der Alpen verwendet wurden. Er benutzte sie auf großzügigste Weise als Gastgeschenke für Besucher und als Mitbringsel auf Reisen. Auf diese Weise wurden die "Florentiner Thermometer" mit der 50iger-Teilung binnen kurzer Zeit in ganz Kontinentaleuropa bekannt. Sie waren auch die Ersten, von denen die >Akademiker< berichteten, sie könnten gleich gehend gefertigt werden.

In Deutschland findet man im 17.Jh. erste meteorologische Beobachtungsreihen von Prof. Samuel Reyher (1635-1714) in Kiel. Beginnend im Jahre 1679 reichen sie bis ins Jahr 1709. Er beobachtete in den späteren Jahren schon mit Thermometer, Barometer und Hygrometer.

Als zweitälteste Beobachtungsreihe kennt Hellman die von Prof. Rudolf Jakob Camerarius (1665-1721) in Tübingen. Er war Professor und Direktor des botanischen Gartens. Dessen Beobachtungen reichen von Juli 1691 bis ins Jahr 1713. Er hatte schon die Möglichkeit seine Messreihen in den Schriften der Academia Naturae Curiosorum zu veröffentlichen. Die >Ephemerides meteorologicae Tubingensis< ist wohl die älteste bekannte Publikation instrumenteller, meteorologischer Beobachtungen in Deutschland. Hierin war neben den Wetterbeschreibungen auch die Temperatur und der Luftdruck mit angegeben.

Etwa zur gleichen Zeit begannen auch die Aufzeichnungen der Astronomenfamilie von Gottfried Kirch in Guben/ Thüringen. Der verwitwete Astronom Gottfried Kirch (1639-1710) hatte sich 1692 mit Maria Magdalena Winkelmann (1670-1720) in zweiter Ehe verheiratet. Er verdiente bis dato seinen Lebensunterhalt mit der Berechnung von Kalendarien und astrologischen Witterungsvorhersagen. Diese Tätigkeit ernährte ihn mehr schlecht als recht. Im Jahre 1680 machte er allerdings durch die Entdeckung eines riesigen Kometen auf sich aufmerksam und rückte damit in die erste Reihe der europäischen Astronomen vor. Diesem Umstand hatte er es dann zu verdanken, dass er im Jahre 1700 als Direktor der Sternwarte an die neu gegründete Sozietät der Wissenschaften in Berlin berufen wurde.

Seine meteorologischen Aufzeichnungen setzte er dort fort und wurde dabei tatkräftig von seiner jungen Frau unterstützt. Die hatte ihr Interesse an der Astronomie und Meteorologie schon in den Jugendjahren entwickelt, als sie als Vollwaise in der Familie ihres Vormundes aufwuchs, der wiederum mit dem Astronomen Christoph Arnold (1650-1693) befreundet war. Auch in diesen Jahren war sie bereits mit Wetterbeobachtungen betraut. Auch die beiden Kinder, Sohn Christfried Kirch (1694-1740) und Tochter Christine Kirch (1696-1782), blieben der Tradition der Eltern verwurzelt und setzten selbst noch nach dem Tod der Mutter und des Bruders, die Beobachtungsreihe bis in den April 1774 fort. Das waren immerhin 75 Beobachtungsjahre mit nur wenigen Unterbrechungen, die bis weit ins 18.Jh. hinein reichten.

Diese Journale wollte G. Hellmann im Jahre 1893 für seine wissenschaftliche Arbeit über das Klima Berlins auswerten und war verwundert, die Kirch'schen Wetterjournale nirgendwo aufzufinden. Seine hartnäckige Suche war aber erfolgreich. Überrascht war er dann doch, als er diese Originalmanuskripte in der Bibliothek der Sternwarte von Edinburgh/ Schottland fand. Offensichtlich waren sie von den Erben der Familie Kirch zwischenzeitlich über den Antiquariatshandel nach dort verkauft worden.

Nun gab es im ausgehenden 19.Jh. noch keine Fotokopierer
. Diese unzähligen Journalblätter, wollte man sie duplizieren, mussten mühsam von Hand abgeschrieben werden. Den ganz offensichtlich hervorragenden Beziehungen von Gustav Hellmann zu Herrn Dr. Ralph Copeland dem damaligen Direktor der Edinburgher Sternwarte ist es zu verdanken, dass dort ein Kopierschreiber gefunden wurde, der die ersten Jahre 1697 und 1701-1702, mit immerhin über 200 Seiten, Eintrag für Eintrag und fein säuberlich mit Tinte und Feder in altdeutscher Schrift übertragen hat.

Bei meinem Band (Ref. 187), der mir von einem Antiquar im Jahre 2000 verkauft wurde, handelt es sich daher ziemlich sicher um ein Unikat aus der Bibliothek von Gustav Hellmann.

Dieser Halblederband, mit dem Titel: Kirch - Berliner Wetterbeobachtungen 1697-1702 enthält jedenfalls auf 232 Seiten die handschriftlichen Kopien der Kirch'schen Wetternotizen. Die Tinte ist noch wasserlöslich (siehe dazu meine NEWS vom 30.09.2006). Daran angebunden ist Hellmanns Kommentar aus dem Jahre 1893: Das älteste Berliner Wetterbuch 1700-1701 von Gottfried Kirch und seiner Frau Margaretha geb. Winkelmann, das neben einem Vorwort des Autors, im Wesentlichen nur die Jahre 1700, 1701 gut lesbar und in gedruckten Lettern enthält.

Zu den Temperaturangaben vermerkt Hellmann auf Seite 13, dass sie wohl von einem Thermometer mit willkürlicher Skala stammen. Als niedrige Temperatur ist am 4. Februar 1697 der Wert von 8 Grad eingetragen, am 10. Mai sind es 36,5 Grad als Höchstwert. Aus meiner Grafik wird aber deutlich, dass die Messwerte von einem >Florentiner Thermometer< ( 50teilig ) stammen müssen. Hierbei stehen die 8 Grad Fl. für - 9 Grad Celsius und die 36,5 Grad Fl. für +35 Grad Celsius.

Neben Prof. R.J. Camerarius (1665-1721) aus Tübingen, der im Jahre 1691 mit seinen Beobachtungen begann, tat dies auch Prof. David Algoewer (1678-1737) aus Ulm. Ab 1710 beobachtete er täglich zweimal und veröffentlichte 1714 seine Messdaten in einer eigenen Schrift: Besondere Oberservationes, Antreffende das Wetter und die mit selbigem übereinstimmende Wettergläser. Vom Herbst A 1710 bis auf den Frühling A 1714.

Ein Antiquariat hat mir dieser Tage die Messreihen der beiden Professoren angeboten. Lassen wir uns also überraschen, welche Thermometer vor 300 Jahren im Süden Deutschlands gebräuchlich waren.

Zwischenzeitlich habe ich die Arbeit von Herrn Walter Lenke aus dem Jahre 1961 erhalten. Lenke vergleicht darin die frühen Wetteraufzeichnungen von Prof. R.J. Camerarius aus Tübingen aus der Zeit von 1691-1694, mit denjenigen von Prof. Algoewer aus Ulm aus den Jahren 1710-1714 und versucht über die Häufigkeitsverteilung der beobachteten Temperaturen von einst und jetzt, eine Näherung zur aktuellen Celsiusskala herzustellen. Ein komplexes Verfahren mit dem ich als Nichtfachmann nur sehr wenig anfangen kann. Aber eine statistische Möglichkeit die ganz bestimmt auch Fehlerquellen in sich birgt.

Schaut man sich die Aufzeichnungen an, so fällt dem Betrachter auf, dass die Tübinger Notizen ein Jahresminimum von 4 Grad am 31.12.1693 und ein Maximum von 23 Grad am 01.08.1691 ausweisen . Wohlgemerkt gegen Norden und im Schatten gemessen. Algoewer dagegen misst mit seinem Thermometer als niedrigste Temperatur -89 Grad, am 09.01.1711 und als höchsten Wert, am 16.07.1711 +45 Grad. Natürlich sind die Messreihen mit zwei unterschiedlichen Thermometern ausgeführt worden.

Schaut man in unserer Grafik nach, so lässt sich leicht feststellen, dass die Tübinger Messwerte mit einem "50teiligen Florentiner Thermometer" gemessen und die Ulmer Temperaturen einem "Thermometrum Magnum Florentinae" entstammen. Zwei Thermometer die zu Beginn des 18.Jh. offensichtlich bei uns sehr gebräuchlich waren.
Sehen Sie dazu auch meine chronologische Aufstellung von 2010!


Quellen:
Ref. 278 Gustav Hellmann Repertorium - Teil 3 - Umriss einer Geschichte der meteorolog. Beobachtungen in Deutschland Leipzig 1883
Ref. 187.2 Gustav Hellmann Das älteste Berliner Wetterbuch 1700-1701 Berlin 1893
Ref. 96 Gustav Hellmann Die Entwicklungen der meteorolog. Beobachtungen in Deutschland Berlin 1926
Ref.279

Walter Lenke

Bestimmungen der alten Temperaturwerte von Tübingen und Ulm Offenbach 1961
Me1555 Heidrun Siebenhühner Das Wetterbuch der Kirchin Luisenstadt 1996
Me1557 Max Rauner Die Turmwächter von Potsdam   2003
Me1728 Gerhard Stöhr Frühe Wetterbeobachter in Deutschland   2010

© Gerhard Stöhr 2006/ 2010


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