Barometrie - Galerie

Firmen - Kurzbiografien

Josef Rodenstock
1846-1905
Alexander Rodenstock
1883-1953

 

RODENSTOCK

Logo Rodenstock 1891-1924

Die Firma Rodenstock wurde aus kleinsten Anfängen zu einem Weltunternehmen, das noch heute am Markt operiert. Allerdings verbindet man den Namen heute in erster Linie mit seinen optischen Produkten, wie Objektiven, Brillengläser und Brillen. Nur ganz Eingeweihte wissen, dass in den frühen Jahren auch Quecksilber- und Aneroidbarometer zur Angebotspalette gehörten. Die Geschichte des Hauses Rodenstock wurde schon mehrere Male geschrieben. Zuletzt ganz vorzüglich und detailliert durch Reder/ Roeseling im Jahre 2003, erschienen bei Piper. Für alle die mehr über Rodenstock erfahren möchten, kann ich diese Historie nur wärmstens empfehlen und werde deshalb meine eigenen Ausführungen auf die Zeit der Rodenstock-Barometer, also etwa 1870-1920 (?) begrenzen. Soweit mir möglich, erfahren Sie einige wichtige Eckpunkte die bei der Datierung der Instrumente hilfreich sein können.

Der Vater von Josef Rodenstock hieß Georg Rodenstock (1819-1894), war Werkmeister und später Handlungsreisender. Die Familie lebte überwiegend in Ershausen/ Thüringen und hatte 4 Kinder, 3 Buben und ein Mädchen. Der älteste Sohn Josef Rodenstock (1846-1905), musste schon früh mit zum Familienunterhalt beitragen. Dazu schickte ihn sein Vater bereits mit 14 (!) Jahren mit seinem alten Musterkoffer auf die Reise. Zuerst brachte er mit gutem Erfolg so genannte „Kurzwaren“ an den Mann oder Frau. Dazu kaufte er Nähnadeln und Porzellanknöpfe in Linz und verkaufte diese mit gutem Gewinn im Westerwald weiter. Die Geschäfte liefen so gut, dass Vater Georg von den verkäuferischen Fähigkeiten seines Filius stark beeindruckt war und für sich einen Gewerbeschein beantragte. Damit wurden auch zugleich die Geschäfte des Sohnes legalisiert, denn da der noch keine 21 Jahre alt war, konnte er selbst noch keinen Wandergewerbeschein beantragen.

Ab 1861 gingen dann aber beide gemeinsam auf Tour. Auf der Suche nach immer neuen Produkten, erfuhren sie von Händlerkollegen, dass mit Brillen und Quecksilberbarometern das ganze Jahr über gute Geschäfte zu machen seien. Das war einen Versuch wert. Während die Brillen aber nur einen geringen Aufschlag zuließen, blieb an den Barometern deutlich mehr Gewinn hängen. Außerdem konnte man sie ja leicht selbst herstellen. Dazu ließ Josef die Röhren im Thüringer Wald blasen, die Holzkorpusse in Ershausen fertigen, die Zeiger stellte der Fünfzehnjährige (!) aus Messingblech selbst her und die Skalen wurden zuhause beschriftet. So entstand im elterlichen Haus eine kleine Serienfertigung. Im Frühjahr und Sommer 1861 musste die Familie erstmals keine Not mehr leiden, so wird berichtet. Es folgte aber im Herbst des gleichen Jahres schon wieder ein teurer Umzug, der die Familienkasse abermals leerte.

Briefkopf 1876Neue Anstrengungen und extreme Sparsamkeit waren wieder einmal nötig. Vater und Sohn nahmen die Herausforderung an und konnten bald darauf ihre Geschäfte deutlich ausweiten. Daran hatten die Flüssigkeitsbarometer einen gewichtigen Anteil. 1866 konnte wieder ein Wohnhaus erworben werden. Als Zeichen der neuen Sesshaftigkeit firmierte der Betrieb im Jahre 1872, auf einem Rechnungskopf erstmals unter dem Namen „G. Rodenstock - Fabrik mathematischer & physikalischer Instrumente“. Mit der Fabrikation der Instrumente war das aber so eine Sache. So gibt die Chronik offen zu, dass vor der Würzburger Zeit die Geschäfte in erster Linie darauf ausgelegt waren, dass man die Produkte möglichst günstig in Fremdarbeit fertigen ließ und nur die letzten Handgriffe und den Versand in Ershausen erledigte. Hier wurden auch alle Waren mit dem G. Rodenstock-Schriftzug versehen. Auf diese Weise wurde schon recht früh die Marke „Rodenstock" aufgebaut und durch die Verkaufsreisen in ganz Deutschland und Österreich bekannt gemacht. Verkauft wurden lt. den Aufzeichnungen in den Jahren vor 1877 neben den bereits bekannten Quecksilberbarometern, Metalltachometer, pat. Wasserwaagen mit Visier, Bandmasse, Taschen-Säuremesser, eine Lupe zur Hopfenprüfung und vereinzelt auch erste Brillenfassungen aus Golddoublé.

Dabei war Rodenstock ein Meister der Verschleierung der Herkunft seiner Produkte. Fest steht, dass die Thermometer von der Firma Greiner aus Neuhaus am Rennsteig und der Firma F. Mollenkopf aus Stuttgart stammten, das lässt sich anhand von Eingangsrechnungen sicher belegen. Wo, oder über wen, allerdings die Barometerwerke bezogen wurden, ist nirgendwo zu erfahren. Allerdings war die Firma Gebr. Koch – optische Warenhandlung en gros - in Stuttgart, der mit Abstand bedeutendste Zulieferer. Es ist leider nicht bekannt was dort alles eingekauft wurde. Vielleicht ist das aber ein verwertbarer Hinweis, denn es muss ja ein deutscher Hersteller gewesen sein und davon gab es in jener Zeit ja nicht allzu viele. G. Lufft begann etwa zur selben Zeit (1877) in Stuttgart mit seiner Fertigung und ist deshalb gewiss einer der ersten Kandidaten der in Frage käme. Weiter kommen noch Otto Bohne (1863) und Gischard-Saul (1874) hinzu. Fest steht jedenfalls, dass die Barometer-Zifferblätter mit Rodenstock-Aufdruck im eigenen Hause gefertigt wurden und die Instrumente ganz zuletzt damit komplettiert wurden.

Josef Rodenstock persönlich arbeitete in diesen Jahren zielgerichtet auf seine eigene Existenz, in Gestalt einer Fabrikation, hin. Dabei sollten seine beiden Brüder, gut ausgebildet mit von der Partie sein. Im Jahre 1878 etablierte man sich deshalb in Würzburg in der Kaiserstrasse 2 mit einem Ladengeschäft. Verkauft wurden dort anfangs die Waren aus Ershausen. Später orientierte man sich mehr und mehr in Richtung Augenoptik. Diverse Patente unterstreichen dies. Auch optische Instrumente erweiterten ab 1882 dort verstärkt das Angebot. Dazu firmierte man als „G. Rodenstock, Fabrikant von physikalischen, optischen und mathematischen Instrumenten“. Wobei die Betonung auf Fabrikant lag, denn Josef Rodenstock war, wie wir schon gehört haben, von Anfang an bemüht stets den Anschein zu erwecken, er fertige seine Produkte selbst. Es dauerte dann auch nicht lange bis dies mehr und mehr der Fall wurde. Patente für verbesserte Brillengläser legten damals den Grundstein für das heutige Weltunternehmen. Die Geschäfte liefen so gut, dass der Anteil der selbst produzierten Ware Jahr für Jahr stieg. Besonders die neuen, innovativen, augenoptischen Produkte wurden immer mehr nachgefragt, sodass im Jahre 1880-82 abermals kräftig erweitert wurde. Der Platz wurde trotzdem eng. Eine erste Expansion führte zu einem weiteren Handelsbetrieb in München, am Karlstor im Jahr 1882.

1886 Fabrikgelände an der IsarOptische occulistische Anstalt G. Rodenstock“ hieß der neue Geschäftszweig und versorgte ab Mai 1884 die Münchner Kundschaft in erster Linie mit gut angepassten Brillen. Ein Novum, denn bisher war die schlecht sehende Bevölkerung auf Fertigbrillen vom Krabbeltisch angewiesen. Weitere gleich geartete Geschäfte folgten. So waren es 1885 immerhin schon 17 Verkaufstellen in Deutschland und darüber hinaus auch in der Schweiz, Luxemburg und Böhmen. 1886 erwarb Rodenstock ein Gelände an der Isar, das auf Grund der Lage günstige Voraussetzungen zum Antrieb seiner Schleifmaschinen mittels Wasserkraft bot und noch heute der Stammsitz des Unternehmens ist.

Weitere solcher, heute würde man sie als „Flagship-Stores“ bezeichnen, entstanden in Köln 1887 und in Berlin 1890. Bruder Alois Rodenstock eröffnete seine Optische Anstalt 1891 in Dresden, führte den Betrieb 50 Jahre erfolgreich und vererbte ihn nach seinem Tod, 1942 an seine Tochter weiter. Rodenstock schliff also die Gläser und verkaufte gleichzeitig die fertigen Brillen in eigenen Geschäften. Klar, dass das den etablierten Augenoptikern gar nicht gefiel, er wurde von ihnen boykotiert.

Dies bewirkte ein generelles Umdenken des Unternehmers und so trennte er sich bis 1898 wieder von allen seinen Detailgeschäften und konzentrierte sich alleinig auf die Produktion. Die Geschäfte wurden verdienten Mitarbeitern zum Kauf angeboten, die wiederum den Markennamen „Rodenstock“ in ihrer eigenen Firmierung nutzen durften. So gingen die Geschäfte in Berlin und München 1892 an August Wolf und Leberecht Reusche. Nach dem Tod von Reusche (+1902) wurde umfirmiert in Rodenstock GmbH Berlin-München. Neben den Brillengläsern belieferte J. Rodenstock sie mit verwandten Produkten wie Ferngläser, Operngläser und meteorologischen Instrumenten, wie Barometer etc. Bei den von ihm vertriebenen meteorologischen Instrumenten handelte es sich bis 1890 überwiegend um Handelswaren, die für zusätzlichen Umsatz sorgen sollten.

Rodenstock Zifferblatt, ab 18901890 stieg Rodenstock selbst in die Produktion von Aneroidbarometern ein. Von jährlich 5.000 Stück und zweitwichtigstem Umsatzträger ist die Rede. Eine neues Barometerzifferblatt wird extra erwähnt. Wenn ich es heute so betrachte, erinnert es mich doch sehr an Lambrecht und auch die Anleihen bei Naudet sind nicht zu übersehen. Dabei beklagt sich J. Rodenstock gleichzeitig heftig über den mangelnden Patentschutz in jener Zeit. Auch die Exportbedingen im ausgehenden 19.Jh. erschwerten den Deutschen Produzenten offensichtlich das Leben. Ungleiche Zollbedingungen machten Exporte nach Frankreich und Übersee nahezu unmöglich. Geradezu „schikanöse“ Importzölle der genannten Länder schützten deren Industrie, während umgekehrt ausländische Produkte das Deutsche Reich überschwemmten. Rodenstock forderte deshalb im Jahre 1904 endlich langfristige Lieferverträge.

Der grassierenden Produktpiraterie versuchte er ab 1891 mit einem geschützten Warenzeichen (siehe oben) zu begegnen, das bis 1924 verwendet wurde. 1905 verstarb Josef Rodenstock und der Bruder Alexander Rodenstock (1883-1953) musste im Alter von 22 Jahren sein Physikstudium an der TH-München abbrechen, um das Familienunternehmen mit 200 Mitarbeitern in die nächste Generation zu führen. Neben Alexander’s unternehmerischen Verpflichtungen, in der er die Produktbereiche Brillenoptik, sowie auch die Fotooptik zur zukünftigen Hauptprodukten machte, gehen auch seine sozialen, berufsständischen und kommunalen Verdienste in die Firmenchronik ein. 1924 wurde er deshalb zum „Kommerzienrat“ ernannt.

Die Barometerfertigung muss wohl unter seiner Ägide an Bedeutung verloren haben, denn irgendwann während den 48 Jahren, wurde die Fertigung eingestellt. Ich habe soeben eine Katalog von RODENSTOCK - Nachf. Optiker Wolf GmbH - München, um 1926, erworben, Darin finden sich auf 38 Seiten meteorologischer Instrumente kein einziges Rodenstockprodukt mehr. Nur Fremdfabrikate von Lufft, Lambrecht etc. Wir versuchen deshalb den genauen Zeitpunkt der Einstellung noch in München zu erfragen.

Milchglaszifferblatt aus Würzburg Rodenstock, Berlin-München Thermo-Hygro-Baro mit Wetterregeln Zifferblatt zeigt Elemente von  Lambrecht u. Naudet Alois Rodenstock, nach 1891

Weitere zwei Rodenstock-Generationen, Rolf Rodenstock (1919-1997) führte den Betrieb von 1953-1990 und Sohn Randolf Rodenstock (*1948) von 1990-2006, machten die Firma zu dem Weltunternehmen, das es heute im Optikbereich ist. Allerdings zwangen im Jahre 2006, Randolf Rodenstock in vierter Generation, die Umstände dazu, das Familienunternehmen zum Jahresende an einen Finanzinvestor zu verkaufen.

 

Quellen: Ref. O169 Reder/Roeseling Augenblicke
  Ref, O171 Martin Schäfer Josef Rodenstock
  Ref. O172 Rodenstock 100 Jahre für besseres Sehen
    Stöhr Archiv

© Gerhard Stöhr 2009.04

 


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