Barometrie - Geschichte

Die Metallbarometer des Eugène Bourdon
Gerhard Stöhr 2005.1-V4

Eugene Bourdon (1808-1884) sehr frühes Bourdonwerk, um 1855

Eugène Bourdon (1808-1884), wurde als Sohn eines Seidenkaufmanns geboren und fiel schon seinen Lehrern in der Grundschule bezüglich seines außerordenlichen Verständnisses für alles Mechanische auf. So konstruierte er schon als Schüler, zum Erstaunen seiner Umgebung, die raffiniertesten Geräte und Hilfsmittel. Nach seinem Studium erlaubten ihm seine Eltern einen zweijährigen Deutschlandaufenhalt in Nürnberg anzuschließen (1826-28), um die Sprache zu erlernen.

Nach seiner Rückkehr nach Paris stieg er zuerst als Volontär bei seinem Vater ein. Die Begeisterung hielt aber nicht lange an. Es zog ihn mit Macht in die Konstruktionsbüros von Optiker M. Jecker (1830) und M. Calla.

Aber auch hier hielt es der junge Bourdon nicht lange aus, denn er fühlte sich ständig unterfordert. Er machte sich bald darauf selbstständig mit einem eigenen Büro zur Konstruktion und Entwicklung von Modell-Dampfmaschinen zu Demonstrationszwecken.
Der Kesseldruck wurde damals noch mit Quecksilber-Manometern aus Glas gemessen, was eine äußerst empfindliche Angelegenheit war. E. Bourdon suchte dringend nach einer robusteren Lösung. Wie wir wissen, war er damit in den 40er-Jahren des 19.Jh. nicht alleine.

Seine Erfindung, der nach ihm benannten "Bourdon'schen Röhre", erlaubte es ihm schließlich ein quecksilberfreies Metall-Manometer zu konstruieren. Diesen Druckmesser meldete er am 18.06.1849 in Paris zum Patent an. Dabei führte er die Patentschrift so aus, dass die nach dem selben Prinzip arbeitenden Barometer, wie auch Thermometer, gleich mit eingeschlossen wurden.

Noch im gleichen Jahr wandte er sich an Monsieur Félix Richard (1809-1876), in dessen Betrieb (gegr. 1845 in Lyon) in der Rue Fessart, 32, diese Metallbarometer gebaut werden sollten. Bourdon selbst erhielt für seine Erfindung auf der Pariser Ausstellung 1849 eine Goldmedaille. Eine weitere Auszeichnung bekam er zusammen mit seinem Konkurrenten Lucien Vidie auf der großen Londoner Ausstellung, im Jahr 1851. Beide wurden damals für Ihre Leistungen gleichermaßen mit der "Council Medaille" geehrt. Seither wurden diese beiden Medaillen zu einem festen Bestandteil der "Bourdon'schen Zifferblätter" (Abb. 3).

Abb. 3

Vidie war mit dieser Gleichstellung aber ganz und garnicht einverstanden und erwirkte eine Wettbewerbsklage. Diese Auseinandersetzung zog sich durch die gesamten 50iger-Jahre hindurch, bis sie schließlich zu dem uns bereits bekannten Ergebnis führte.

Im Jahre 1853 stellte E. Bourdon sein "Baromètre métallique" den Mitgliedern der Pariser Akademie vor. Seinen Bericht finden Sie in den "Comp. rend. Bd. XXXVII, p.656".

Patente haben in der Regel eine Laufzeit von 15 Jahren. Während dieser Zeit ist der Patentinhaber vor Nachahmern geschützt. Er kann das Patent selbst verwerten oder von einem Lizenznehmer Gebühren verlangen. So ist es nicht verwunderlich, dass alle Bourdonbarometer fein säuberlich durchnummeriert wurden. Denn nur auf diese Weise konnte eine lückenlose Erfassung sicher gestellt werden. Die ersten Exemplare wurden sogar noch auf dem "Herzstück" des Werkes, dem Pfeiler der Bourdonröhre gemarkt u. nummeriert (Abb. 4+5), sodass es unmöglich war eines an der Erfassung vorbei zu produzieren.

Abb. 4 Abb. 5

Zusätzlich wurden die Werke vom Hersteller gepunzt. Man findet in der Zeit vor 1876 folgende Punzierungen:

Abb. 6

E.B. für Eugène Bourdon (Abb. 6), Bourdon et Richard (Abb. 4) und Richard á Paris (Abb.5).
Wie schon erwähnt, finden sich auf den Zifferblättern zwei Medaillen. Im der Linken ist zu lesen:
"E. Bourdon et Richard Breveté Paris", Gold Medaille Ausstellung 1849. In der Rechten: "Große Medaille 1. Klasse", London 1851. Dazwischen die Bezeichnung "Baromètre métallique", in der zum übrigen Zifferblatt passenden Landessprache. So war es sicher im Kooperationsvertrag vereinbart.

Abb. 7 = JR (old)

In diesen Jahren fällt bereits eine Punze "JR" auf, die für etwas Verwirrung sorgt, weil sie schon viele Jahre vor der eigentlichen Geschäftsübernahme auftaucht und und die spätere Punze an Lesbarkeit deutlich überbertrifft.
Einzige Erklärung zum momentanen Zeitpunkt ist, dass Sohn Jules gleich nach Eintritt in die väterliche Firma (1863), seine eigene Punze verwenden durfte (Abb.7). Bisher konnten wir diese Signatur an den Werknummern 7523, 11346, 13.285, 17572 und 18.393 bemerken.

Die Werknummern bewegen sich soweit sich das heute schon überschauen lässt, für die Zeit bis 1875, auf etwa 19-20.000 Einheiten. Einige der Werke sind auf dem Zifferblatt, wie auch auf der Platine mit "compensé" gemarkt, manchmal noch zusätzlich an den stumpfen Enden der Bourdonröhre, was auf eine verbesserte Temperaturkompensation in den 60er-Jahren hindeutet.

Ein zweifelfreies Erkennungsmerkmal für Barometer aus der frühen Ära ist die Form des Zahnradsektors. Alle von der Firma Félix Richard gefertigten Instrumente verfügen über einen an beiden Enden unterhalb des Zahnsegments spitz auslaufenden Zwischenraum (Abb. 8).

Mit der Übernahme durch die Söhne änderte sich das plötzlich. Jules Richard (1848-1934), einer der vier Söhne des Firmengründers, absolvierte in den Jahren 1863-1866 seine Lehrjahre beim Vater.

Abb. 8
Abb. 10

Danach war er einige Jahre bei Uhrmachermeister Collin angestellt. Nach Feierabend besuchte er die Abendschule und informierte sich zur neu erfundenen Kinematographie. Ein kurzes Intermezzo mit der Telegrafenverwaltung schloß sich daran an.

Im Jahre 1876 verstarb der Vater und hinterließ den Nachkommen ein ziemlich desolates Unternehmen. Die Söhne Jules und Félix-Max griffen der Mutter unter die Arme und führten den Betrieb nach einem totalen Neubeginn weiter. Man firmierte fortan als Firma Jules Richard und punzte seine Werke mit den Initialen "JR" . Wie zu sehen ist, unterscheidet sich die neue Punze deutlich von der früheren (Abb. 9).

Abb.  9  = JR (new)

Auch begann man wieder die Werke von Null an zu zählen. Das Sektorrad erhielt eine etwas veränderte Form insofern, dass beide Enden des Zahnsegments nun in eine runde "Öse" auslaufen (Abb.10).

Damit lässt sich heutzutage ganz leicht eine Einteilung in "ältere" und "jüngere" Barometer vornehmen, denn die Öse ist wiederum ein untrügliches Indiz für einen "jüngeren Bourdon", der nach 1876 gebaut wurde.

Die Hilfsvorrichtung zur Blockierung der Zeigerwelle besitzt eine kleine Blattfeder zur Rückholung der Schneide. Auch hier erfolgte zu diesem Zeitpunkt eine kleine Produktionsänderung. Die Anbringung der Feder wurde von ursprünglich vorne, ab sofort nach hinten verlegt.

Aber auch die Geschäftspolitik änderte sich mit den Söhnen. Das Patent war 1864 ausgelaufen, die Verbindung zu E. Bourdon hatte sich möglicherweise bis auf die Lizenzgebühr abgekühlt. Wurden bisher die Instrumente nur exclusiv vertrieben, so öffnete sich Jules Richard nun dem Markt und verkaufte seine Werke auch an andere Mitbewerber. Zumindest einer davon ist uns gleich aufgefallen. So befinden sich eine ganze Reihe Barometer in den Sammlungen meiner Freunde, die plötzlich im rechten Medaillon das Signet der Firma Hüe-Paris aufweisen (Abb.11). Die Bezeichnung S.G.D.G. steht übrigens für "Sans Garantie de Gouvernement", also "ohne Garantie derVerwaltung bzw. Regierung".

Abb.11

Diese Werke sind zusätzlich zu der Punze von "JR", noch mit "Hüe" bzw. "Hüe Paris" gestempelt.

Abb.12

Ein weiterer Bourdon der sich in unserem Besitz befindet trägt die Punze einer Firma "AR", die wir mittlerweile als Arrouit - Paris indentifizieren konnten. Die Form des Sektorrades weist auf die Zeit vor 1876, nach Ablauf des Patentes hin (Abb. 12). Siehe dazu auch meine NEWS vom 17.01.2006.

Die Firma P.L. Arrouit - Paris, 45 rue de l' orrillon, ist für uns erstmals als Aussteller auf der Exposition universel 1878
in Erscheinung getreten. Der Messekatalog weist sie als Hersteller von Barometern und Thermometer, "métalliques et aneroid" aus.

 

Abb.13

Vater T. Hüe hatte im Jahre 1865 eine Fabrikation zur Fertigung von Präzisionsinstrumenten gegründet und übergab den Betrieb später (90er Jahre ?) an seinem Sohn E. Hüe weiter. Es liegt mir ein Katalog aus dem Jahr 1905 vor [Ref. M337], indem sich Monsieur E. Hüe noch als "Fils Succr" bezeichnet, also als Sohn und Nachfolger, die Geschäftsadresse lautete: 63, Rue des Archives, nach ehemals: 79, Rue des Gravilliers. Für unsere Barometer die mit E. Hüe = E.H. gepunzt sind (Abb.13), würde das bedeuten, dass diese Instrumente, nicht wesentlich früher als 1890 gefertigt wurden. Vielleicht mit eigenem Nummernkreis. Man wird sehen, - weitere Beobachtungen in den kommenden Monaten und Jahren müssen diese Vermutung bestätigen oder vielleicht auch widerlegen.

Abb.14Jules Richard hatte noch einen Bruder, Félix-Max Richard (1856-1949), der weniger in Erscheinung getreten ist. Während Bruder Jules mehr der Techniker war, so war er eher der Mann für die PR. Beide versuchten Vaters Erbe zu bewahren. Als Ausdruck dafür nahm ihn Jules im Jahre 1882 offiziell mit in die Firma auf und benannte das Unternehmen in "Gebrüder Richard" = "Richard Frères" um.

Diese Verbindung hielt allerdings nicht sehr lange, denn bereits 9 Jahre später verließ Félix-Max Richard den Betrieb wieder und Jules wurde wieder alleiniger Inhaber. Er verwendete aber das neu entwickelte Logo "RF" für "Richard Frères " noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein (Abb.14). Die unzähligen Registrierinstrumente die daraus hervorgegangen sind, stehen heute als erfolgreiches Zeichen für diese Kooperation..

Die Einstellhilfe zur Justierung des Barometers auf seine Gebrauchshöhe habe ich schon erwähnt. Sie kann mit einem feinen Schraubendreher oder einem passenden Stift von der Rückseite her betätigt werden und blockiert dann mittels einer Schneide bzw. Keil den Zahntrieb der Zeigerwelle. So kann der Zeiger leicht gedreht werden. Es sind uns davon 3 Varianten bekannt. Einmal die mit der Feder vorne, bis 1876 (Abb.15), dann mit der Feder hinten, nach 1876 (Abb.16) und eine Interimslösung mit einer runden, abgewinkelten Feder (Abb.17).

Es ist dies übrigens die einzige Möglichkeit einen Bourdon-Barometer auf Ortshöhe einzustellen. Eine direkte Einflussnahme auf die Röhre oder das Zahnradsegment, z.B. mittels einer Einstellschraube, sucht man vergebens. Das führt dazu, dass bei höheren Gebrauchshöhen das Zahnradsegment nicht mittig stehen kann, sondern bisweilen stark ausgelenkt ist. Das sieht zwar etwas merkwürdig aus, ist aber nicht zu ändern. Das "kugelige Gegengewicht" (Abb.18) übrigens, soll nach Dr. Victor Pierre [Ref. 48] dazu dienen, in hängender Stellung die Erdschwerkraft zu eliminieren.

Abb.15 Abb.16 Abb.17   Abb.18

 

 

 

 


 

Unsere höchste bekannte Werknummer beläuft sich derzeit auf 32.892. Es wurden also im letzten Quartal des 19. Jh. von Sohn Jules Richard nochmals eine große Anzahl Bourdon-Barometer gebaut. Wobei auffällt, dass die Metallbarometer zu Ende des 19.Jh. fast überwiegend mit offenen Werken und auf dem Facetteglas rückseitig aufgedrucktem Zifferblatt verkauft wurden. Es entsprach wohl dem damaligen Zeitgeschmack und sie sind ja auch heute noch immer sehr begehrt.

Auf die Nachfolger der beiden franz. Traditionshäuser von E. BOURDON und JULES RICHARD INSTRUMENTS konnte ich noch im Jahre 2005, als ich das Thema erstmals bearbeitet habe, jeweils einen Link setzen. Mittlerweile sind 4 Jahre vergangen und ich musste heute feststellen, dass es schon einiger Mühe bedarf, die noch verbliebenen Überreste der einst so stolzen Unternehmungen im Internet zu finden. So erinnern an Jules Richard in dessen neuer Umgebung, gerade noch die drei Initialen JRI. Es stimmt mich traurig, einstige "Sterne" so verblassen zu sehen!

Bedanken möchte ich mich noch zum Schluss bei meinen Sammlerfreunden, die mir oftmals noch zu später Stunde tiefe Einblicke in ihre Instrumente gewährten und mich auch heute noch ständig mit aktuellen Informationen versorgen. Ohne sie wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen.

Folgende Quellen wurden ausgewertet: Ref. 48, 106, 223, 258, M313, M337, Me 1511, meine Arbeitsmatrix

 

© Gerhard Stöhr 2005
korr. 2009.01


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